Strom für ein Handy

Drei Schüler der Werner-von-Siemens-Schule im Frankfurter Gallus haben eine "vertikale Windkraftanlage" entwickelt, deren Flügel wie eine DNA aussehen.

Von Eva Marie Stegmann (Frankfurter Rundschau vom 18.05.2010)

Als Benjamin die E-Mail öffnete, dessen Absender sich irgendwo im Staate Kalifornien befand, blinkte ihm jenes Wort entgegen, das die Pläne seiner Gruppe umstürzen sollte: "Money". Die Amerikaner wollten also Geld sehen. Zu viel Geld für die drei Werner-von-Siemens Schüler aus dem Gallus. Den angehenden staatlich geprüften Technikern ging es um ihr Abschlussprojekt: Eine in Eigenregie gebaute Windkraftanlage mit vertikaler Rotorachse. Erst seit einigen Jahren gibt es diese Modelle, die im Vergleich zu den horizontalen Anlagen deutlich leiser sind, auf dem Markt.
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Schlaue Siemens-Schüler: Patsakas, König und Schenk testen ihre Windkraftanlage. Foto: FR/Arnold
Ihre Konstruktion ist kein Geheimnis. Die Studierenden Sascha König, Lazaros Patsakas und Benjamin Schenk wollten allerdings mehr: Sie wollten eine Version des regenerativen Energieerzeugers, die in Deutschland noch nicht erhältlich ist: Helix. Der Flügel von Helix sieht - wie der Name bereits erahnen lässt - aus wie ein DNA-Strang. Der Flügel der Standard-Version einer vertikalen Windkraftanlage ähnelt zwei Halbmonden. "Wir vermuten, dass die Auslastung von Helix um einiges höher ist", sagt Benjamin Schenk.

Die Achse

Die verbreitetste Art sind die Windkraftanlagen mit horizontaler Rotorachse, die nach der Windrichtung eingestellt wird. Sie sind meist größer und lauter als die vertikalen Modelle.

Im Gegensatz dazu vermeiden die kleineren, vertikalen Modelle diesen Effekt. Sie lassen sich deshalb auch einfacher in Wohngebieten einsetzen - auch weil sie bei Sonnenschein nicht blenden. Durch die Flügelposition, die im übrigen nicht nach dem Wind ausgerichtet werden muss, kann jedoch nur ein Teil der Strömung in nutzbare Energie umgewandelt werden. (ems)
Produziert wird diese Anlage momentan nur von einer ganz speziellen Firma in Kalifornien. Eben derjenigen, die per E-Mail deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass sie ihr geistiges Eigentum, welches sich um die geheimnisvolle Helix rankt, nicht umsonst zur Verfügung stellen wolle. Das Wissen ist nach wie vor auf amerikanischen Computern gesichert. Die Projektgruppe versuchte sich trotzdem an einem Nachbau. Ohne Details zu Elektronik und Konstruktion zu kennen. Quasi auf Risiko. "Als ich davon erzählte, meinten viele aus meiner alten Firma sofort: Das wird nichts", erinnert sich der 34-jährige Lazarus Patsakas. Doch es ist etwas geworden. Die drei Männer stehen vor ihrer Helix: Das Modell ist knapp zwei Meter hoch und siebzig Zentimeter breit. Das Podest bildet ein Kasten, in dem sich die Elektronik - inklusive Generator - befindet. Eine Aluminiumstange ragt daraus hervor, um die sich der mit schwarzen und weißen Streifen verzierte Flügel windet. Was aussieht wie Pappe sind in Wirklichkeit sogenannte Glasfaser-Matten, die mit Epoxidharz getrocknet wurden.
"Wir waren ja fast sowas wie das Aushängeschild der Schule", sagt Lazaros Patsakas und grinst. Die Helix zierte die letzten sieben Wochen das Dach der Werner-von-Siemens Schule. Allzu effektiv war die Windkraftanlage nicht. "Vielleicht könnte man mit der gewonnen Energie ein Handy aufladen", schätzt er. "Der Flügel hätte höher und breiter sein müssen." Was die drei vorher nicht wissen konnten - ohne die Daten der amerikanischen Firma. "Außerdem ging es uns um die Konstruktion und die Elektronik - wir betraten mit der Helix schließlich absolutes Neuland", erklärt Sascha König. Mangels Geld mussten die Studierenden einen alten Generator nutzen, den eine Projektgruppe vor acht Jahren schon für ihre Windkraftanlage verwendet hatte. "Nach der Optimierung der Flügel würde er bei maximaler Auslastung etwa 15 Watt erzeugen", weiß Benjamin Schenk. Mit einem besseren Generator circa 1000 Watt.

Übrigens - ganz ohne "Money" konnte die Truppe ihre Windkraftanlage nicht bauen. Die drei Männer bewiesen Eigeninitiative und warben 1430 Euro ein. Die Schule hätte lediglich 300 Euro beigesteuert.