Neubau in der Gutleutstraße

Im April 1990 wurde die Schule fertiggestellt

Der Umzug aus der Hamburger Allee in die Gutleutstrasse ist nach langer Planungsphase für das Kollegium der Werner-von-Siemens-Schule der letzte anstrengende Endspurt. Endlich stehen die benötigten Räumlichkeiten für den Schulbetrieb zur Verfügung.
Das Schulgebäude ist modern, hell, geräumig und wird von den Schülern dankbar angenommen.
Es ist interessant, einen Blick in die Broschüre zu werfen, die anlässlich des Neubaus vom Magistrat der Stadt Frankfurt herausgegeben wurde (mit freundlicher Genehmigung des Hochbauamtes der Stadt Frankfurt am Main):


Vorwort

Es mag Außenstehende verwundern, daß in einer Zeit allgemein zurückgehender Geburten und insgesamt sinkender Schülerzahlen das bislang größte Schulbauprojekt der Stadt Frankfurt fertiggestellt wird. Gleichwohl aber erzwingt der rasche Fortschritt in Wissenschaft und Technik auch neue Lehrinhalte und ermöglicht neue didaktische Konzepte. Auf eine Berufsschule für Elektrotechnik, deren Berufsfelder sich durch Spezialisierungen erheblich erweitert haben, trifft dies in besonderem Maße zu. Eine moderne Berufsschulpädagogik stellt heute hohe Ansprüche an Räumlichkeiten, Ausstattung und Technologie, für deren Befriedigung die Stadt Frankfurt als hochqualifizierter Ausbildungsstandort und zur Sicherung der Lebens- und Berufschancen der Auszubildenden Sorge tragen muß. Für die Werner-von-Siemens-Schule konnte das nur heißen: Der zusätzliche Flächenbedarf aufgrund eines erweiterten Raumprogramms und die zeitgemäße Einrichtung der Klassen, Labors und Werkstätten ließ sich nur mit einem Neubau schaffen. Nachdem ein der überregionalen Bedeutung der Werner-von-Siemens-Schule angemessener verkehrsgünstiger Standort in der Nähe der Innenstadt zur Verfügung stand, wurde nach einem beschränkten Wettbewerb im Jahr 1980 der Berliner Architekt Klaus-Rüdiger Pankrath mit der Planung beauftragt.

Sein Entwurf bewältigt auf überzeugende Weise die problematischen Randbedingungen des Grundstücks, zieht aber andererseits Nutzen aus der reizvollen Lage am Mainufer und der Nachbarschaft des Sommerhoffparkes. Der Lärm der stark befahrenen Gutleutstraße auf die ruhigeren Bereiche der Schule wird durch den davorgeschobenen Werkstattriegel gemildert.

Von dem östlich gelegenen Industriegebiet setzt sich die Anlage mit hohen auf Innenhöfe orientierten Baublöcken ab. Die kommunikativen Bereiche, die Cafeteria, Bibliothek, Lehrerzimmer, Verwaltung und Sporthalle sind zum Sommerhoffpark und zum Main hin orientiert und antworten auf die „Flußlandschaft“ mitschwingenden Fassadenformen.

Das umfangreiche Raumprogramm, das neben den schon erwähnten Raumgruppen auch eine Tiefgarage, eine Sporthalle (27 x 45 m) und ein für alle Frankfurter Schulen nutzbares Ruderzentrum beinhaltet, ist auf einer Geschoßfläche von ca. 25.000 m2 untergebracht. Trotz des beachtlichen Volumens von ca. 109.000 m3 umbauten Raumes stellt sich die Schule für den von der Stadtmitte kommenden Besucher bescheiden und unaufdringlich dar. Die mehr als 1.200 Schüler und Schülerinnen, die täglich ihre Schule besuchen, betreten den Gebäudekomplex über ein signifikantes Eingangsplateau. Die großen Flure laufen vorbei an mehreren Innenhöfen auf den Main zu und erlauben immer wieder Ausblicke auf den Fluß. Das erleichtert trotz der differenziert angeordneten Verkehrsflächen die Orientierung im Gebäude und schafft eine Vielzahl von unterschiedlichen Erlebnis- und Begegnungsorten. Sie laden in Freistunden und Pausen zum freien Gespräch; Identifikation mit „meiner“ Schule wird möglich. Die an natürlichen Baustoffen orientierte Wahl der Materialien und die bewußte Vielfarbigkeit unterstreichen dieses Konzept; die Eintönigkeit und Einförmigkeit vieler moderner Großbauten wurde so vermieden.
Die Einrichtung und Ausstattung der Klassenräume, Laborräume, Werkstätten entspricht den hohen Erwartungen eines innovativen Berufszweiges. Sie folgt den neuesten Rahmenrichtlinien und durfte mit ihrem hohen Niveau nicht nur für den öffentlichen Bereich Maßstäbe setzen.

Gerade die haustechnische Gebäudeausstattung birgt einige Besonderheiten, die nicht alltäglich sind und als Pilotprojekte zu charakterisieren sind. Zur Energieeinsparung wird die Abwärme des nahegelegenen Kraftwerkes „West“ für die Beheizung der Schule benutzt, mit ökologisch günstigem Nebeneffekt, daß das zur Kühlung des Kraftwerkes benutzte Mainwasser auf einem geringeren Temperaturniveau in den Fluß zurückgeleitet wird.

Eine Photovoltaikanlage versorgt als Versuchsanlage einige Laborräume im Inselbetrieb mit elektrischer Energie.

Eine Besonderheit ganz anderer Art stellt der unternommene Versuch dar, sich erneut dem Thema „Kunst am Bau“, wie es früher hieß, zuzuwenden. Heute sollten wir lieber formulieren: „Kunst im öffentlichen Raum“. Denn Schulen, auch große Berufsschulen, sind Teile von Öffentlichkeit und öffentlichem Bewußtsein und somit auch in die künstlerische und kunstvolle Gestaltung des städtischen Lebensraumes verstärkt einzubeziehen.

Hier wurde erstmals ein neuer Weg zur Auswahl der Kunstwerke beschritten.

Mit der neuen Werner-von-Siemens-Schule wurde ein Schulbau verwirklicht, der in seiner Verbindung von Funktionalität, Technik und Pädagogik der wachsenden Bedeutung der Elektrotechnik für die Gesellschaft gerecht wird. Dieses zukunftsträchtige Konzept und seine umfassende bauliche Realisierung wird für die Gestaltung des Schulbetriebes und die alltäglichen Erfahrungen von Schüler/innen und Lehrern sicherlich eine Bereicherung sein.

Stadträtin Jutta Ebeling
Dezernentin für Schule und Bildung

Stadtrat Hanskarl Protzmann
Baudezernent


Der Magistrat der Stadt Frankfurt am Main: Schriftenreihe des Hochbauamtes zu Bauaufgaben der Stadt Frankfurt am Main. Dezernat Bau Hochbauamt (Hg.)/Dezernat Schule und Bildung (Hg.)/Kuhlendahl, Ulrich/Nieswandt Karin: Werner-von-Siemens-Schule Frankfurt am Main. Frankfurt am Main: 1990, S. 3.