Pädagogischer Tag 2013

„Schulschwänzen“ hat fast immer ernstzunehmende Ursachen

Null Bock auf Schule - kein Problem, für solche Schüler gibt es §82 Hessisches Schulgesetz: Pädagogische Maßnahmen und Ordnungsmaßnahmen -> Problem erledigt!?


Im Gegenteil - die Probleme entstehen ab jetzt erst recht:

Schulabsentismus wird häufiges und unentschuldigtes Fehlen in der Schule genannt. Es führt zu schwächeren Schulleistungen und zu fehlenden Schulabschlüssen. Unentschuldigte Fehlen in der Berufsschule ist der häufigste Kündigungsgrund während der Ausbildung. Soziale Desintegration ist oft die Folge. Werden Jugendliche kriminell, so ging dem sehr häufig zuvor schon Schulabsentismus der Betroffenen voraus.

Das Kollegium der Werner-von-Siemens-Schule entschied sich daher, das Phänomen Schulabsentismus an einem pädagogischen Tag am 10.09.2013 zu untersuchen und zu lernen, damit angemessen umzugehen.

Das Impulsreferat zu dieser Veranstaltung hielt Dr. Volker Reissner, ein langjähriger Mitarbeiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Klinikum der Universität Duisburg-Essen. Seine Frage an das Lehrerkollegium zu Beginn war: „Wer hat schon einmal eine Unterrichtstunde geschwänzt oder einen Tag blau gemacht?“ Das Ergebnis war, dass selbst hier kaum jemand noch nie geschwänzt hat. Diese zunächst amüsante Frage zeigt jedoch das Feld auf, welches zwischen dem einmaligem Schwänzen einer Unterrichtsstunde und wochenlangem Fernbleiben von der Schule liegt.

In den nachfolgenden Workshops wurden folgende Schwerpunkte bearbeitet
  • Ursachen

    Bei vielen Schülern beginnt es damit, dass sie sich in der Schule nicht mehr wohlfühlen und mit Lehrern oder dem Unterricht unzufrieden sind. Überforderung kommt hinzu. Schulversagen und -abwesenheit schaukeln sich gegenseitig auf und verstärken sich in einem „Teufelskreis“. Für Schüler ist es dann schlussendlich eine Flucht, die eine Befreiung von Druck-, Angst und Kontrolle bewirkt.
    Häufig gibt es auch andere Ursachen: quälendes Mobbing durch Mitschüler, Mithilfe bei familiären Notlagen ist erforderlich, Arbeitseinsatz im Ausbildungsbetrieb wird eingefordert, Drogenabhängigkeit usw.
  • Merkmale

    Auffallend ist für Lehrkräfte meist erst die Abwesenheit. Das kann zu spät sein, wenn der Automatismus von Schulvermeidung, Überforderung und Angst vor Versagen bereits in Gang gekommen ist. Idealerweise fallen im Vorfeld bereits eventuell eine depressive Symptomatik auf. Eine Ablehnung gegenüber schulischen Prozessen und Anforderungen ist als Vorstufe der Absenz durch Stören und Verweigerung auszumachen.
  • Was tun?

    Die gesetzlich vorgegebenen schrittweisen Ordnungsmaßnahmen (§82 HSchG) münden am Ende in der „Verweisung von der besuchten Schule“. Genaugenommen bestärken sie den Betroffenen sogar im Wesentlichen in ihrer Schulvermeidungstaktik und sind damit nicht geeignet, hier eine Verhaltensänderung herbeizuführen.
    Vielmehr müssen wir zunächst unsere pädagogischen Möglichkeiten früh und vollständig ausschöpfen. Einem niedrigen Selbstwertgefühl muss mit positivem Erleben von Schule entgegengewirkt werden. Es sollte versucht werden, mit z.B. aktivem Zuhören oder einer Sozialanalyse der Klasse, wahre Hintergründe aufzuklären. Frühes Nachfragen bei Schülern und Eltern ist notwendig, damit die Betroffenen merken, dass ihr Fehlen wahrgenommen wird. (Erziehungsberechtigte bemerken die Schulversäumnisse oft nicht oder können sie nicht verhindern.) Entschuldigungen sind nicht zu akzeptieren, wenn deutlich wird, dass ernstzunehmende Ursachen nicht angegangen werden.

    Lehrkräfte können nicht psychologisch therapieren. Das muss durch Fachleute erfolgen, die unter Umständen zu Hilfe geholt werden und dann auch einen Teil der Verantwortung übernehmen.

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Eine Mindmap visualisiert das Problemfeld
An dieser Stelle nochmals vielen Dank an Herrn Dr. Reissner von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Klinikum der Universität Duisburg-Essen für sein Impulsreferat, sowie an die Schulpsychologinnen Dr. Fertsch-Röver-Berger und Frau Walther vom Staatlichen Schulamt Frankfurt am Main, an Herrn Gerhards vom Amt für Gesundheit und an die beiden Psychologinnen des Universitätsklinikums Frau Dr. Abel und Frau Feifel, die unsere Workshops beratend begleitet bzw. geleitet haben.

Dieser Tag endete mit der Erkenntnis, dass die Sensibilisierung für das Thema Schulabsenzen lediglich den ersten Schritt darstellt. Der aktive Umgang mit den betroffenen Schülerinnen und Schülern und deren sozialem Umfeld, sowie der Aufbau eines Netzwerks, welches berät und Hilfe anbietet wird ein weiterer zukünftiger Schritt sein.


Fotostrecke

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Der Schulleiter Tilmann Stoodt (Bildmitte) klärt organisatorische Fragen ab.
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Einige Informationen vorab
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Welcher Workshop ist der richtige?
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Herr Dr. Volker Reissner (links) hält das Impulreferat.
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Sogar in Pausen engagierte Diskussion
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Die Workshops werden am Nachmittag fortgeführt.
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Abschlussrunde
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Unterstützung (v.l.): Frau Dr. Fertsch-Röver-Berger, Frau Walther, Herr Gerhards